Klosterführer (12)

Ottilienkapelle

Auf einer Anhöhe nördlich der Abteikirche liegt die Barockkapelle des ehemaligen Emminger Guts, die seit dem späten Mittelalter Mittelpunkt einer Wallfahrt zur hl. Ottilia war. Die hl. Ottilia kam um 660 blind zur Welt und wurde deshalb von ihrem Vater, dem elsässischen Herzog Etich, verstoßen. Nach der Legende erhielt ein bayerischer Bischof in einer Vision den Auftrag, das von Nonnen aufgezogene Kind zu taufen. Dabei wurde Ottilia sehend. Als ihr Bruder sich um eine Aussöhnung des Vaters mit der Tochter bemühte, erschlug dieser im Jähzorn den Sohn. Später begründete Ottilia auf väterlichem Besitz zwei Nonnenklöster, darunter Hohenburg-Odilienberg, und wirkte zahlreiche Wunder. Für ihren im Fegefeuer geplagten Vater erwirkte sie Verzeihung. Sie starb um das Jahr 720, am 13. Dezember, und wurde bald zur Patronin des Elsaß. Im Mittelalter breitete sich die Verehrung der Heiligen über ganz Mitteleuropa aus. Sie wird vor allem bei Augenleiden angerufen.

BildÜber den Ursprung der Emminger Ottilienkapelle gibt es nur Vermutungen. Das Chorherrenstift Dießen am Ammersee war ein frühes Zentrum der Ottilienverehrung und mag Einfluß auf die Begründung der Wallfahrt gehabt haben. 1365 weist ein Eresinger Pfarrer auf die Kapelle hin, »da rest [ruht] in Sant Ottilia gar genädiklich, do hin mänger mensch kumptt von Swaben und Bayrn, von priester und layen.«

Unter dem barocken Kleid läßt die Kapelle noch ein gotisches Chorgewölbe erkennen. Auf dem Hauptaltar umfaßt eine halbrunde Nische schützend die gotische Figur der hl. Ottilia mit Buch, Kelch und Augen. Sie wird flankiert von zwei heiligen Fürstentöchtern: Margaret mit ihrem Drachen und Barbara mit Turm. Das Gewölbe wurde 1686 von Johann Schmuzer mit dem schweren Stuck des frühen Wessobrunner Stils überzogen. Links neben dem Hochaltar befindet sich ein kleines Grabmal für Ottilia Füllin zu Windach, Baronin v. Kammerberg, die 1696 als dreijähriges Kind verstarb. Barocke Verse preisen auf lateinisch das »kleine Blümelein, das mit den Lilien des Himmels grünt.«

BildDie beiden Seitenaltäre erhielten bei einer Renovierung 1946/48 ihre ursprüngliche Gestalt zurück. Anstelle zweier Altarbilder aus dem 19. Jahrhundert wurden die barocken Figuren des hl. Bartholomäus und des hl. Florian wieder aufgestellt. Neu geschaffen wurden die Altartische aus Stuckmarmor mit farbigen Scaglioarbeiten und der Muttergottesaltar an der Nordseite der Kapelle, den eine frühgotische Madonna ziert. Im Zug dieser Renovierung wurde die zuvor schmucklose Decke des Schiffes mit barock nachempfundenen Stuckranken (Stephan Killer, München) und einem Freskenzyklus von Prof. Alois Miller geschmückt. Dieser zeigt die Fürbitte der hl. Ottilia und vier Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria: Verkündigung, Anbetung der Hirten, Darstellung im Tempel und Herabkunft des Heiligen Geistes. Über der Orgelempore befinden sich Kartuschen mit Darstellungen des Schloßes samt Kapelle um 1700 und des Klostergebäudes im Jahre 1948. Im hinteren Teil der Kapelle sind Figuren der Karmeliterheiligen Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz angebracht.

Über der Kapelle erhebt sich ein kleiner Glockenturm mit Zwiebelkuppel aus dem Jahre 1627. An der nördlichen Außenwand befindet sich ein Relief aus der Jahrhundertwende, das die legendäre Missionaussendung des hl. Maurus durch den hl. Benedikt zeigt, alle in der Tracht der Missionsbenediktiner.

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