Kammerkonzert „Luther und Bach”

Serra Tavsanli (Klavier)

Die insgesamt einflussreichste und nachhaltigste Errungenschaft Martin Luthers besteht in einem für den Geist der Reformation an Bedeutung kaum zu überschätzenden und untrennbaren Bücherpaar: die Heilige Schrift in deutscher Übersetzung und das Gesangbuch. Diese beiden reformatorischen Lebensbegleiter haben in der Folgezeit die christliche Kultur insgesamt und über alle Konfessionsgrenzen hinweg, insbesondere jedoch die Glaubenspraxis der christlichen Gemeinde wie die Institution des Gottesdienstes, ein für alle Mal grundlegend verändert. Das Hören, Lesen und Lernen der Heiligen Schrift in der Muttersprache, wie das Singen von Kirchenliedern im Gottesdienst und andernorts zum Lobe Gottes, zum Lernen und Bewahren der Glaubensinhalte wie auch zur geistlichen Erbauung, machte im frühen 16. Jahrhundert dem Menschen seinen Stellenwert vor Gott neu bewusst und besiegelte damit das Ende des Mittelalters. Bibel und Gesangbuch boten den Komponisten der Reformationszeit den nahezu ausschließlichen, überaus reichhaltigen und vielfältigen Stoff für ihre kirchenmusikalischen Werke, die sich darin wesentlich von der vorreformatorischen Tradition unterschieden. Sogenannte »Saft- und Kraftsprüche« des Alten und Neuen Testaments wie „Fürwahr er trug unsere Krankheit” oder „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er uns seinen eingeborenen Sohn gab” und Evangelienmotetten durch das ganze Kirchenjahr hindurch bestritten über sehr lange Zeit den Chorgesang zur Zierde des Gottesdienstes und Vertiefung der biblischen Botschaft. Bachs »Komponierstube« war unter anderem ein Ort profunder theologischer Reflexion. Der Besitz einer wissenschaftlich-theologischen Bibliothek war für einen Komponisten keine Selbstverständlichkeit - schon gar nicht, dass sie (wie Bachs Nachlassverzeichnis belegt) die beiden großen Gesamtausgaben der Schriften Martin Luthers enthielt: die achtbändige alte Jenaer Ausgabe von 1555 bis 1558 und die jüngere zehnbändige Altenburger Ausgabe von 1661 bis 1664; dazu noch Einzelbände mit den Tischreden, dem Psalmenkommentar und der Hauspostille. Exegetische Werke und Bibelerklärungen des 17. Jahrhunderts spielten in Bachs Handbibliothek eine wichtige Rolle, darunter insbesondere die dreibändige annotierte Bibelausgabe von Abraham Calov. Bachs Bibliothek enthielt auch das seinerzeit umfangreichste hymnologische Werk, das von Paul Wagner besorgte Gesangbuch in acht Bänden. Damit stand Bach ein autoritatives Nachschlagewerk mit knapp 5.000 Kirchenliedtexten ohne Melodien zur Verfügung. Während das Original aus Bachs Besitz verschollen ist, kann sein Exemplar des von Michael Weisse herausgegebenen Gesangbuches der böhmischen Brüder von 1538 nachgewiesen werden. Daran, dass der Komponist auf ein breit gefächertes Repertoire von Kirchenliedern zurückgreifen konnte, kann also kein Zweifel bestehen. Das gilt insbesondere für sein umfangreiches Kantatenwerk. Ein konkretes Beispiel aus dem ersten Leipziger Amtsjahr des Thomaskantors Bach mag stellvertretend für zahllose andere erläutern, welcher Stellenwert dem Zusammenhang von Bibel und Gesangbuch in der musikalischen Interpretation des Komponisten zukommt. www.serra-tavsanli.de

Veranstaltungsdatum
22.09.2019 - 15:30